Kap-Sun Hwang und seine Keramik


Ein Essay von Josef Straßer | Oberkonservator | Die Neue Sammlung | The International Design Museum Munich


Wieso kommt ein koreanischer Keramiker nach Deutschland, um hier erneut Keramik zu studieren, obwohl doch die asiatische Keramik seit Jahrhunderten für Europa Vorbildcharakter besaß? War es nicht zunächst das chinesische, später das japanische und koreanische Porzellan, das die Europäer faszinierte und ihren Forschergeist so lange nicht ruhen ließ, bis sie selbst das Geheimnis des Arkanums lösen konnten und somit um 1710 in Meißen das erste europäische Porzellan entstand?


Für den 1963 in Seoul geborenen Kap-Sun Hwang mögen verschiedene Gründe für ein Studium in Deutschland gesprochen haben. Neben der stark verschulten Ausbildung in Korea spielte für ihn die Begegnung mit Arbeiten der „Gruppe 83“ eine maß­gebliche Rolle. Die 1985 in Seoul ausgestellten Objekte dieser Vereinigung deutscher Keramiker, der unter anderem Karl und Ursula Scheid, Horst Kerstan oder Christa und Johannes Gebhardt angehörten, beeindruckten Kap-Sun Hwang zutiefst: „Ich wunderte mich, wie man solche Stücke aus Ton herstellen kann. Und dann wurde mir plötzlich klar, dass es Chemie ist. Von da ab habe ich wohl von einem Studium im Ausland zu träumen begonnen.“ (Kat. Kellinghusen, S. 6)


Doch zunächst beendete Kap-Sun Hwang sein Studium im Fachbereich Keramik an der Staatlichen Universität in Seoul mit dem Master of Fine Arts (MFA) und absolvierte im Anschluss daran eine dreijährige Offiziersausbildung in der südkoreanischen Armee.


Sein Traum begann sich 1990 zu verwirklichen. In diesem Jahr übersiedelte er nach Deutschland. Nachdem er in Münster die deutsche Sprache erlernt hatte, ging er 1991 nach Kiel an die Muthesius-Hochschule für Gestaltung, um bei Johannes Gebhardt Keramik zu studieren. Im Gegensatz zur Ausbildung in Asien, wo gemäß dem Prinzip der Aneignung durch Nachahmung jahrelang streng nach den Formen des Meisters gearbeitet werden musste, legte Gebhardt Wert auf die Entwicklung einer eigenständigen gestalterischen Individualität seiner Studenten. Dieser Ansatz kam der künstlerischen Auffassung von Kap-Sun Hwang sehr entgegen. Natürlich bildete auch bei Gebhardt die Beherrschung des eigentlichen Handwerks, das Drehen, die verschiedenen Gestaltungs- und Glasurtechniken sowie methodisches Arbeiten, die unabdingbare Grundlage für jegliches weitere künstlerische Schaffen. In einem zweiten Schritt konnten die Studenten jedoch selbst ihre Arbeitsschwerpunkte bestimmen, die sich zwischen den Polen des freien Experimentierens und der Entwicklung einer individuellen Formensprache bewegten.


Für Kap-Sun Hwang standen die Glasuren im Mittelpunkt. Die Hochschule bot ihm ungeahnte Möglichkeiten, alles auszuprobieren, um hinter die Geheimnisse guter Glasuren zu kommen. Er widmete diesen Experimenten nahezu jeden Vormittag seines siebenjährigen Studiums, das er 1998 mit einer Diplomarbeit bei Johannes Gebhardt abschloss.


Im unmittelbaren Anschluss daran erhielt er ein Stipendium der Dr.-Hans-Hoch-Stiftung in Neumünster. Dadurch konnte er in der so genannten „Stadttöpferei“ zwei Jahre kostenlos Wohn- und Arbeitsräume nutzen und sich so ganz seiner Arbeit als Keramiker widmen. In diese Zeit fallen zwei Ereignisse, die seine weitere Karriere nachhaltig beeinflussten. Das erste führte ihn an einen der Ausgangspunkte seines Aufbruchs nach Europa zurück: Durch seine Teilnahme an einem vierwöchigen Intensiv-Workshop mit Karl und Ursula Scheid erhielt er tiefe Einblicke in die von den beiden Großmeistern vertretene Keramikkunst, die die deutsche Keramik nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich geprägt hatte.


Das zweite Ereignis war der Kontakt zur Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen. Für diese war Kap-Sun Hwang zwei Jahre als freier Mitarbeiter tätig. Dies bereitete den Boden für seine spätere Mitarbeit in der Keramikindustrie, die sich in seinen sehr erfolgreichen Entwürfen für die Porzellan-Manufaktur Fürstenberg widerspiegeln sollte. Verbunden ist damit aber auch die Hinwendung zum Porzellan, hatte er doch bis zu diesem Zeitpunkt vor allem mit Steinzeug gearbeitet.


Im Jahr 2000 nahm er in Vertretung von Johannes Gebhardt eine Gastprofessur an der Kunsthochschule von Hang-Zhou in China an. Nach seiner Rückkehr ließ er sich zusammen mit seiner Frau Si-Sook Kang in Kellinghusen nieder, einer tradi­tionsreichen Töpferstadt in Schleswig-Holstein, und richtete sich in einem ehemaligen Lagerhaus Wohn- und Arbeitsräume ein.


2003 erhielt Kap-Sun Hwang einen Ruf als Professor für die Keramikklasse am College of Fine Arts / Faculty of Crafts & Design an der National University in Seoul. Durch seine Reformen des Studien­ganges veränderte er innerhalb des vorgegebenen Curriculums die Keramikausbildung an der Universität in Seoul erheblich. Er schuf bessere Arbeitsbedingungen, indem er dafür sorgte, dass die alten Werkstatt­räume saniert wurden; er kümmerte sich um den Aufbau neuer Werkstatteinrichtungen, um neue Öfen und sogar um neues Werkzeug, das eigens nach seinen Vorgaben entwickelt wurde. Die Studenten sollten sich bei ihrer Arbeit wohlfühlen, ihre Leidenschaft und ihr Interesse sollten geweckt werden. Zudem gelang es Kap-Sun Hwang auch, die Ausbildungsstruktur selbst zu verändern. Lag früher der Schwerpunkt bei plastischen Arbeiten, so kehrte Kap-Sun Hwang zur Gefäßkeramik zurück und damit zu den Grund­lagen der Keramik­ausbildung, zu denen auch das lange vernachlässigte Erlernen präziser Drehtechniken gehört. Das Drehen ist nach wie vor die effektivste Methode, um in kurzer Zeit eine größere Zahl von Gefäßen herzustellen.


Außerdem legt Kap-Sun Hwang besonderen Wert auf die Glasuren. Hatte er selbst sich bereits während seines Studiums in Kiel intensiv mit der experimentellen Ermittlung von Glasuren beschäftigt, so sollte durch die Verbindung zur Porzellan-Manufaktur Fürsten­berg die systematische Entwicklung von Glasuren neue Impulse erhalten, die schließlich im Aufbau einer eigenen Datenbank für Glasuren und Massen mündeten.


In Korea erhält jeder seiner Studenten gleichberechtigt Zugang zu dieser Datenbank, die ständig weiter ausgebaut wird. Dadurch lassen sich die gewünschten Glasuren zügig, ohne sinnlose Wiederholungen bereits erfolgter Wägungen und Messungen entwickeln, so dass die knappe Zeit der Ausbildung inten­-siv für die eigene Arbeit genutzt werden kann.


Einen wesentlichen Punkt in Kap-Sun Hwangs Lehrkonzept bildet die Vorbereitung auf industrielle Produktion. Ein moderner Keramiker muss seiner Meinung nach heute auch mit den seriellen Produk­tionsmethoden vertraut sein. Handwerk und Industrie stellen für ihn keine unvereinbaren Gegensätze dar, sondern ergänzen sich.


Kap-Sun Hwang hat den Studiengang Keramik auch in anderer Hinsicht reformiert. Das reicht von der sozialen Kompetenz seiner Studenten, die er fördert und die ihm sehr wichtig ist, über seine eigene Position als Lehrer, als Primus inter pares, bis hin zur Finanzierung der über das zur Verfügung stehende Budget weit hinausgehenden Materialkosten, die durch Werkstattausstellungen, Wettbewerbe, Auszeichnungen und Preisgelder erwirtschaftet werden.


Das zeigt aber auch, dass Kap-Sun Hwang nicht nur auf die während seiner Ausbildung in Kiel gewonnen Erfahrungen zurückgriff, sondern auch die aus seiner Tätigkeit als freier Keramiker und als Mitarbeiter renommierter Manufakturen erworbenen Erkenntnisse in seine Lehrtätigkeit erfolgreich mit einbrachte und so aus europäischen und koreanischen Traditionen Strukturen für eine moderne zeitgemäße Ausbildung entwickeln konnte.


Für seine eigenen Projekte bleibt ihm durch seine Lehrtätigkeit wenig Zeit. Sein Leben ist auf zwei Welten verteilt und er möchte in beiden alles richtig machen. So etwas geht nur, wenn man weiß, was man möchte und was man kann. Und Kap-Sun Hwang kann einiges, auch wenn ihm dafür in Deutschland nur etwa drei Monate im Jahr zur Verfügung stehen. In dieser Zeit entstehen die Arbeiten in seiner Werkstatt in Kellinghusen – meist kleine Schalen und zylindrische Gefäße. Besonders eindrucksvoll sind die Zylinderformen mit dünnen farbigen Streifen oder versetzt angeordneten, geometrischen Flächen.


Die farbigen Flächen bestehen aus unterschiedlich eingefärbten Porzellanmassen. Am Anfang dreht Kap-Sun Hwang eine Reihe identischer Gefäße, die sich lediglich in der Farbigkeit der Massen unterscheiden. Im lederharten Zustand werden diese geschnitten und nach einer weiteren Trockenzeit zu neuen Gefäßen montiert, die nun die versetzten Farbflächen aufweisen. Die Zylinderformen mit den farbi­gen Linien entstehen auf ganz ähnliche Weise: Auch hier werden die Gefäße geschnitten und die Einzelteile mit gefärbter Porzellanmasse montiert. Der Brand erfolgt im Elektro- oder Gasofen bei 1.280° C. Während die Innenseiten seiner Gefäße oft eine Glasur erhalten, schleift Kap-Sun Hwang die Außenflächen zunächst mit einem Diamantwerkzeug, bevor sie anschließend poliert werden. Auf diese Weise entstehen Oberflächen, die nicht nur optisch, sondern auch haptisch wahrgenommen werden müssen, um die Gefäße in ihrer Ganzheit, in ihrer künstlerischen Vollendung zu erfassen.


Kap-Sun Hwang liebt Musik. Mit Keramik kann er machen, was er mit Musik nicht machen kann: Mit Keramik kann er arbeiten. Das zeigen auch die eigens für die Ausstellung angefertigten Objekte, die gleichsam wie Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen ein Thema immer wieder aufgreifen und durch die leichten Verschiebungen der einzelnen Segmente virtuos variieren.


Wie alle Arbeiten von Kap-Sun Hwang bestechen diese „Variationen“ durch ihre handwerklich-technische Präzision. Ein Aspekt, der auch bei seinen Entwürfen für die Porzellanindustrie eine wichtige Rolle spielt, denn der Perfektionist Hwang erhebt bei den industriell produzierten Arbeiten denselben Anspruch auf Qualität wie bei den handwerklich hergestellten Objekten.


Auch wenn sich der industrielle Produktionsprozess nicht mit dem handwerklichen vergleichen lässt, sowohl was die Investitionskosten als auch was die Stückzahlen und mögliche Rendite betrifft, so kann doch das eine mit dem anderen in Verbindung stehen: An den handwerklich („händisch“) gefertigten Objekten können Materialien und Techniken getestet werden, bevor sie in Produktion gehen, Prototypen erstellt werden, die als Vorlage für die angestrebte Massenproduktion dienen. Das Arbeiten an derartigen Modellen setzt ein anderes Denken voraus als dasjenige für den Entwurf eines Serienproduktes. Und gerade darin besteht die Chance einer frucht­baren Zusammenarbeit zwischen Industrie und Kunsthandwerk. Aus diesem Grund legt Kap-Sun Hwang bei seinen Studenten großen Wert darauf, dass ihre Ausbildung auch diesen Sektor nicht vernachlässigt.


Für den Erfolg dieser Zusammenarbeit ist er selbst das beste Beispiel: Bereits 2003 entwarf er einen Schalensatz für die Porzellanmanufaktur Fürstenberg, für den er den renommierten red dot design award als „best of the best“ erhielt. Und auch bei seinen jüng­s­ten Produkten für Fürstenberg ebenso wie bei seinen anderen Arbeiten, zeigt sich, dass Kap-Sun Hwang ein moderner, global agierender Keramiker ist, der mit seinen Arbeiten sehr erfolgreich eine Brücke zwischen Kunst und Industrie, zwischen Asien und Europa zu schlagen vermag.


Für ein international agierendes Museum wie Die Neue Sammlung spielen gerade diese Aspekte eine wichtige Rolle. Kunsthandwerk und Design, national und international gesehen, spiegeln in ihrem vollen Spektrum Sammlungsstruktur, Ausstellungsprofil und Intentionen eines auf zukunftsweisende gestalterische Qualität ausgerichteten Museums wider.


In den Arbeiten, den Vorstellungen und im Denken Kap-Sun Hwangs manifestieren sich diese Ansätze und Positionen zwischen Kunst und Industrie wie bei kaum einem anderen Keramiker. Aus diesem Grund ist er geradezu prädestiniert, um im Internationalen Keramik-Museum Weiden, dem Zweigmuseum der Neuen Sammlung, ausgestellt zu werden.


Erschienen anlässlich der Ausstellung „Kap-Sun Hwang – Koreanische Keramik | Korean ceramics“; Internationales Keramik-Museum Weiden, Zweigmuseum der Neuen Sammlung, The International Design Museum Munich.